Jean-Gabriel Périot – Eût-elle été criminelle…

 

Der französische Künstler thematisiert in einem Zusammenschnitt dokumentarischen Materials die öffentliche Bestrafung und Demütigung französischer Frauen, denen im Zweiten Weltkrieg Beziehungen zu deutschen Männern nachgesagt wurden. Zu den verfremdeten Klängen der Marseillaise - unter anderem in der Interpretation Mireille Mathieus - durchläuft das Video zunächst im Zeitraffer die Chronologie der Ereignisse vom Vorabend des Kriegs bis zu der Befreiung Frankreichs im Sommer 1944 und dem Abzug der Deutschen. Die Freude darüber bricht sich jedoch in Vergeltung Bahn und mündet in einer öffentlichen Stigmatisierung der Frauen, die an die Verfolgung von Menschen im Dritten Reich erinnert. Gestisch imitiert das Victoryzeichen den Hitlergruß, symbolisch ersetzt ein aschenes Hakenkreuz den Judenstern. Périot greift dabei auf eine durch die Medien geschaffene, kollektiv gültige Bildsprache zurück, die Ereignisse wie den Zweiten Weltkrieg kulturunabhängig lesbar macht. Die sofortige Klassifizierung der Bilder wird erst in zweiter Instanz hinterfragt, wenn wie in Périots Video die Verschiebung der Rollen von Tätern und Opfern Verstörung auslöst. Erst dann greift der Betrachter auf den individuellen Subtext zurück, um das Gesehene auf der Verständnisebene neu zu bewerten. Vor diesem Hintergrund erweitert sich Even if she had been a criminal... (2006) auch zum allgemein gültigen Statement gegen die Hybris derer, die anderen Freiheit und Würde rauben.

Der Titel der Arbeit appelliert an den Betrachter, den Satz zu vollenden, der eine Haltung zum Geschehen fordert. Wie würde das eigene Satzende lauten? Ist die Strafe zu hart, ein Menschenleben zu viel wert, eine Liebe zu rein und losgelöst von jeder Politik? Oder ist der Umgang mit den Frauen angebracht, vielleicht gar zu harmlos, da sie sich in Zeiten des Krieges mit dem Feind verbündeten? Betrachtet man das Video aus heutiger Sicht, scheint die Antwort eindeutig. Kein Mensch hat das Recht, andere zu quälen, zu demütigen oder zu misshandeln. Obwohl dies gemeinhin als Tatsache gelten darf, ist der Kontext für die Beantwortung entscheidend. Die weit verbreitete Praxis, Gewalt einzusetzen um Gewalt zu verhindern, impliziert gleichzeitig ihre Legitimation. Auch hier stellt sich die Frage der Begründung. Périot beleuchtet die Pole der menschlichen Existenz im historischen Moment der Befreiung. Hier prallt unbändige Freude über die Freiheit auf den noch dominanten, aufgestauten Hass. Lang ersehnter Triumph erhitzt das Gemüt und in den Stolz mischt sich der Drang zur erniedrigenden Bestrafung eines Sündenbocks. Der Künstler thematisiert die Rache des Einzelnen innerhalb der Zivilgesellschaft an den als schuldig befundenen Individuen. Damit ist jedoch nicht das subjektive Vergehen an Leib und Leben eines anderen gemeint. Vielmehr findet eine, von der Masse legitimierte, Sühne auf der Metaebene einer kollektiven Schuld statt. Die nationale Zugehörigkeit verbietet dem Einzelnen einen positiven oder konstruktiven Austausch mit dem von Staatsseite ausgesprochenen Feind. Die Parameter der individuellen Handlung und Bewertungsmaßstäbe, die im Kontext des Friedens ihre Gültigkeit haben, werden in Kriegszeiten zugunsten einer im Kampf vereinten Nation außer Kraft gesetzt und Handlungsmuster neu bewertet.

Der Künstler folgt mit seiner Arbeit den Spuren C.G. Jungs: "Wir brauchen mehr Verständnis für die menschliche Natur, da die einzige wirkliche Gefahr, die besteht, der Mensch selber ist. Er stellt ein großes Gefahrenpotential dar und wir sind uns dessen bedauerlicherweise nicht bewusst. Wir wissen zu wenig vom Menschen, eigentlich fast gar nichts. Seine Seele soll tiefer ausgelotet werden, weil der Mensch es ist, der Ursprung alles kommenden Bösen sein wird."*

 

- C. G. Jung in einem BBC-Interview mit John Freeman 1959.

 

By Nadia Ismail
Krieg, 2010